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Der aktuelle Newsletter

Newsletter Nr. 28 vom 21. September 2018

 

Niemals geht man
so ganz!
 

Dobryj den'! Vitajemo vas! Vitajem vas! 
Liebe Leserin, lieber Leser!

 

Wir sind zurück aus Kyiw - und gleichzeitig verabschieden wir uns. Aber eins nach dem anderen. „Mechanisms and Contradictions within engaged Football Fanculture“ - darum ging es bei unserem Workshop, der vom 6. bis 9. September 2018 in der ukrainischen Hauptstadt stattfand. 34 aktive Fans, Journalisten, Fanprojekt- und Vereinsmitarbeiter aus Russland, Belarus, aus der Ukraine und aus Deutschland erörterten und diskutierten, inwieweit sich das in Deutschland seit Mitte der 1980er Jahre erfolgreiche Konzept der sozialpädagogischen Fanprojekte auf die Länder Osteuropas übertragen ließe. Dabei wurden die Teilnehmerinnen und Teilnehmer von Thomas Jelinski und Arthur Starker, zwei Mitarbeiter des Fanprojekts Berlin, unterstützt. Zudem war Michael Gabriel, Leiter der Koordinationsstelle Fanprojekte in Deutschland (KOS), zugegen. In unserem Bericht kann man nachlesen, um was es bei dem Workshop genau ging. Schöne Fotos gibt es HIER.

 

Wie bereits angekündigt ist dies unser letzer Newsletter, den wir vor einem Jahr im vergangenen Jahr gestartet haben. Unser Ziel war es, deutschsprachigen Journalisten, Medien, Zivilgesellschaftlern und Interessierten eingehende Informationen aus russischsprachigen Medien rund um interessante Debatten und gesellschaftspolitische Entwicklungen im osteuropäischen Fußball, insbesondere im Rahmen der Fußballweltmeisterschaft in Russland zu liefern. Wir wollten zeigen, dass es auch in osteuropäischen Medien eine kritische Auseinandersetzung mit Korruption, Rassismus oder Gewalt im Fußball gibt, unser Bild von Russland, von der Ukraine und von Belarus und den dortigen Debatten etwas detailreicher zeichnen, als es hierzulande manchmal üblich ist. Ob uns das gelungen ist, könnt nur Ihr, die Leserinnen und Leser, entscheiden. Für uns jedenfalls war es eine bewegte und aufregende Zeit, in der wir selbst auch viel Neues über den Fußball in Osteuropa gelernt haben. Unser Projekt Fankurve Ost wird auch weiterhin bestehen. Auch werden wir ab dem nächsten Monat mit einem neuen Newsletter aufwarten. Der wird voraussichtlich allerdings im größeren Umfang nur einmal im Monat erscheinen. Seid also gewiss: Wir melden uns! Wir bedanken uns bei Thomas Dudek, der Newsletter mit aufgebaut hat, bei Christian Henkel, der ihn weitergeführt hat (er verabschiedet sich am Ende des Newsletters mit eigenen Worten), bei unseren Kooperationspartner von n-ost, bei unseren Förderern vom Auswärtigen Amt und natürlich bei unserem Träger, dem DRA

Und nun heißt es, zum vorerst letzten Mal, Vorhang auf für den osteuropäischen Fußball. 


Viel Vergnügen bei der Lektüre!

 

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RUSSLAND 


Pussy Riot-Spiritus Rector Petr Wersilow vergiftet
Sie sind neben Alexej Navalny das momentan bekannteste Gesicht der Opposition in Russland – die Frauen und Männer des Künstlerkollektivs Pussy Riot. Obwohl – eigentlich sind es vor allem Frauen und dann gibt es da noch den Chef und Mastermind Petr Versilov. Wir hatten erst kürzlich in einem der vergangenen Newsletter längere Auszüge eines Interviews mit Versilov veröffentlicht. Auch, weil Pussy Riot im Finale der WM in Moskau noch eine späte Aktion gegen das Putin-Regime gelungen war. Und genau damit ist Versilow dem Zirkel der Mächtigen in Russland womöglich einen Schritt zu nahe gekommen. Am 11. September ließ sich der 30-jährige mit schweren Symptomen einer Vergiftung in ein Moskauer Krankenhaus einliefern. Mittlerweile wird er in der Berliner Charité behandelt. Dort, so berichtete es die Webseite des oppositionellen Senders Echo Moskva, sei vom behandelnden Arzt Kai-Uwe Eckhardt bestätigt worden, dass eine Vergiftung sehr wahrscheinlich, das eingesetzte Gift unbekannt ,der Patient aber außer Lebensgefahr und bei Bewusstsein sei.
Aktivist Versilow hat neben der russischen auch die kanadische Staatsbürgerschaft, offenbar besitzt er auch ein Visum für den Schengen-Raum. Ein Ausfliegen aus Moskau sei also schnell möglich gewesen, zudem dauere der Flug nur gut zwei Stunden – nach Kanada wären es mehr als zehn Stunden gewesen. In der Charité geht man davon aus, dass Versilovs kanadische Krankenkasse die Behandlung bezahlt. Das sagte der Chef der Universitätsklinik, Karl Marx Einhäupl, vor Pressevertretern aus Deutschland, Russland und den USA in Berlin. Man habe gut mit den Kollegen in Russland kooperiert. Versilov befinde sich auf dem Weg der Besserung, die Vergiftung soll dank der schon in Moskau erfolgten schnellen Hilfe nicht lebensbedrohlich gewesen sein. 

 

In Russland wird kaum noch über das WM-Sommermärchen gesprochen. Die Wirklichkeit, mit der Erhöhung des Rentenalters, mit dem Syrienkrieg und dem Ukraine-Konflikt hat wieder die Oberhand in den Zeitungen und Online-Blogs übernommen. Und wenn doch wieder über Fußball geredet wird, dann meistens wegen der Schulden, die die WM verursacht hat.
 

In der Arena in Samara geht das Licht aus
So wie in Samara, wie die Zeitung Vedomosti berichtet. Die dortige Arena hatte schon im Vorfeld der WM immer wieder für Schlagzeilen gesorgt. Auf dem allerletzten Drücker war sie als letztes aller WM-Stadien fertiggestellt worden. Und nun geht in ihr wohl das Licht aus. Denn die Schulden belaufen sich seit der WM mittlerweile auf über 700.000 Euro, und genau deshalb hat die Stadtverwaltung nun beschlossen, die kostspielige Arena lediglich für bedeutsame Liga-Spiele vom Heimatverein Krylja Sowetow und Veranstaltungen von großem öffentlichen Interesse zu nutzen.


Bei Anschi Machatschkala droht die Pleite
Vor sieben Jahren machte dieser vorher eher unbedeutende Verein aus dem kaukasischen Dagestan eine Menge Schlagzeilen. Milliardär Sulaiman Kerimow hatte Wahnsinnssummen bereitgestellt und damit Spieler wie Roberto Carlos und Samuel Eto`o verpflichtet. Doch nachdem sich die schnellen Erfolge nicht einstellen wollten, verkaufte Kerimow 2016 sein Spielzeug an den dagestanischen Geschäftsmann Osman Kadijew. Und der hat den Karren wohl nun endgültig in den Dreck gefahren. Wie Sport Express berichtete, plagen Anschi riesige finanzielle Probleme. Die Spieler sehen schon seit vier Monaten kein Gehalt. Noch hätten sie Geduld und Verständnis, aber jeder Geduldsfaden reiße irgendwann. Momentan wird händeringend, wenn nicht gar verzweifelt nach Sponsorenf für den Verein gesucht, der nach dem siebten Spieltag den letzten Platz in der Premjer Liga belegt. Viele Mitarbeiter wohnen in Machatschkala, aber das Büro des Klubs befindet sich im weitenfernten Kaspiske, „denen fehlt nun sogar das Geld, um zur Arbeit zu kommen“, so der Generaldirektor des Klubs Oleg Flegontow. Möglicherweise muss sich der russische Klubfußball auf den nächsten Pleiteverein einstellen.


Restaurant-Besitzer: nach Twitter-Kritik im Shitstorm
Die Umgangsformen sind in Russland zuweilen rau. Und wenn es um den Lieblings-Fußballklub geht, wird schon mal tief in die verbale Munitionskiste gegriffen. Und danach möglicherweise auch ordentlich zurückgeschossen. So geschehen, das berichtete mit etwas Verzögerung die populäre Webseite sports.ru, nach dem 4. Ligaspieltag, an dem die Mannschaft vom FK Krasnodar gegen Spartak Moskau zuhause 0:1 verloren hatte, durch ein Tor in der 88. Minute. Tachir Cholikberdiew, ein Restaurantbesitzer aus Krasnodar (Mr. Drunk Bar, Bikini), der auch Lokale in Moskau betreibt (Juschanje, Rebro Adama) konnte seinen Zorn über die Niederlage seines Vereins nicht zurückhalten und twitterte: „Schiedsrichter Lapotschkin ist ein Arschloch - das ist eh bekannt. So wie auch, dass Spartak schon lange nicht mehr ohne die Hilfe der Schiedsrichter auskommt." Und weiter: „Ein großer Teil von Euch sind feiges Pack, meine Freunde werden mir das verzeihen, sie sind echte Fans von Spartak." Verzeihen wollten das allerdings die „unechten“ Fans von Spartak nicht. Denn mittels eines koordinierten Cyberangriffs fiel das Tripadvisor-Ranking für das größte Restaurant Cholikberdiews in Moskau innerhalb von wenigen Tagen von 4,4 auf 2,4 in der Wertung. In einem Interview sagte Choliberdiew allerdings, dass der Shitstorm unheimlich wertvoll für ihn gewesen sei, denn nun gäbe es einen Hype um seine Restaurants und er hätte es damit sogar ins Fernsehen geschafft.


Slava Ukraini im Spartak-Wappen
Schon in der Sowjetunion galt Spartak Moskau als ein besonderer Verein, der vor allem in den 1970er und 1980er Jahren Oppositionelle, Intellektuelle und Künstler anzog. An diese Tradition der Nonkonformität hat sich jetzt wohl ein Spartak-Fan erinnert, als er auf Instagram ein Foto veröffentlichte, auf dem er in einem Spartak-Trikot zu sehen ist mit dem typischen S (C) im Spartak-Wappen, an das der in Russland wohl nicht ganz so populäre Schriftzug „Slava Ukraini" angefügt war. Wie die Webseite Politeka berichtete, hätte es nicht lange gedauert, bis das Foto auf Webseiten ukrainischer Ultras tausendfach geteilt worden sei.


Visafrei zur Euro 2020 nach Sankt Petersburg
Mit der Visafreiheit mittels Fan-ID hatte die russische Regierung während der WM eine Menge Pluspunkte bei den ausländischen Fans gesammelt. Und das Prozedere wird sich jetzt, so war es im wirtschaftsliberalen Kommersant zu lesen, zur nächsten Euro in zwei Jahren wiederholen. Dann nämlich ist Sankt Petersburg eine der zahlreichen europäischen Austragungsstädte. Dort finden drei Gruppenspiele und ein Viertelfinale statt.


Sportminister verteidigt hohe Orden für die Sbornaja
Der russische Sportminister Pavel Kolobkov rechtfertigt noch einmal die umstrittene Ernennung der Spieler der Nationalelf zu „Verdienten Meistern des Sports". Fußball sei der massenwirksamste Sport der Welt und die Ehre diesen Orden zu tragen, sei deshalb auch angemessen. Wie Russlands populärste Sport-Webseite Championat schrieb, hätte Kolobkov auch nochmal ausdrücklich den Wert der vergangenen Weltmeisterschaft für Russland betont. Sie war „nicht nur das wichtigste Sportereignis diesen Jahres, sondern in der Geschichte des Landes überhaupt“. Er sehe eine erfreuliche Entwicklung für die Zukunft, die Zuschauerzahlen in der Liga würden kontinuierlich steigen. Einen Rückfall, wie in den 1990er Jahren, würde es dieses Mal in Russland nicht geben.


Limonov vs Posner – Runde 2
Bereits in vorhergehenden Newslettern hatten wir von der Fehde zwischen dem Aktivisten und Polit-Provokateur Eduard Limonov und der russischen Reporterlegende Vladimir Posner berichtet. Laut Lenta.ru ist der Twist nun in die nächste Runde gegangen. Auslöser war ein Interview, welches eigentlich während der WM im russischen Fernsehen ausgestrahlt werden sollte, dann aber so kontrovers verlaufen sein soll, dass es mit Rücksicht auf die WM und das öffentliche Bild Russlands bisher nicht ausgestrahlt worden ist. Laut Limonov versuche Posner zwanghaft überall mit allen möglichen Leuten Interviews zu machen, weil er seinen nahenden Tod spüre. Außerdem fordert Limonov auf seinem Twitter-Account Gegenspieler Posner dazu auf zu verraten, wer wirklich verlangt habe, dass das Interview während der Fußball-WM nicht ausgestrahlt werden solle.


Nachspiel für übergriffige Argentinier
Sie hatten schon während der Weltmeisterschaft für weltweite Schlagzeilen gesorgt. Vier Fußball-Fans aus Argentinien waren gegenüber russischen Frauen übergriffig geworden und waren zunächst verhaftet und dann des Landes verwiesen worden. Nun sind diese Fans von den argentinischen Behörden mit empfindlichen Strafen belegt worden. Die Fans hatten in Russland während der WM zahllose russische Frauen aufgefordert, ihnen unverständliche spanische Schimpf- und Fäkalworte in die Kamera zu sprechen. Dieses Videos hatten sie dann via den sozialen Netzwerken veröffentlicht.

 

Teppich-Trikot wird zum Erfolg

Bereits Ende August hatte ein Fan des Vereins FC Rostov einen Teppich als Glücksbringer mit ins Stadion gebracht, nachdem sein Klub das vorherige Spiel verloren hatte. Tatsächlich brachte das Stück, das zur klassischen sowjetischen Wohnungseinrichtung zählt, dem Fand und seiner Mannschaft Glück. Gegen Krasnojarsk gewann man 4:0. Fotos des Teppichs auf der Tribüne gingen daraufhin viral, was vom Verein aufgegriffen wurde. Kurzerhand wurde ein Trikot im Teppich-Design gestaltet, das allerdings längst ausverkauft ist.


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UKRAINE

Zweiter Sieg der Ukraine in Nations League – Stadion leer
Die Ukraine ist mit Schwung in die neu gegründete Nations League gestartet und hat auch in ihrem zweiten Gruppenspiel am 9. September gegen die Slowakei (1:0) drei Punkte mitgenommen. Dabei kam der Sieg mit einem Handicap zustande. Denn das gelb-blaue Heimteam musste vor komplett leeren Rängen auflaufen. Die Stadionsperre (in dem Fall die Arena in Lviv) resultierte aus einer UEFA-Sanktion, mit der das Verhalten der ukrainischen Fans während der EM 2016 in Frankreich, im Spiel gegen Spanien, bestraft worden war. Ganz auf die Unterstützung ihrer Anhänger musste das ukrainische Team allerdings nicht verzichten. Wie die ukrainische Webseite Tribuna mit einigen Fotos illustrierte, waren die Tribünen mit zahlreichen Bannern und Fahnen geschmückt, auf denen zahlreiche ukrainische Städte ihre Grüße an die Nationalmannschaft übermittelten und Fans mit Schlagworten und Unterschriften ihre Wünsche an das Team mitteilten.


Karpaty Lviv steht vor Übernahme durch Ehepaar Gerega
Wie wir in unserem Newsletter schon mehrfach berichteten, geht es im Vereinsfußball von Lviv drunter und drüber. Neben anderen im Zentrum diverser Skandale befindet sich Fußballklub Karpaty Lviv. Dort herrschen seit einiger Zeit Eigentumsverhältnisse, bei denen selbst Insider nicht mehr richtig durchblicken. Doch nun zeichnet sich laut Tribuna.com offenbar eine Lösung ab. Denn der Vizepräsident des ukrainischen Fußballverbandes Alexander Gerega steht zusammen mit seiner Frau Galina kurz davor, den Verein zu übernehmen. Bisher hielten die ukrainischen Geschäftsmänner Dymynsky und Kolomoysky 50 Prozent der Klubaktien, sind jetzt aber offenbar bereit zu verkaufen. Mit Alexander Gerega wird damit eine illustre Gestalt Klubeigentümer. Er gründete 2003 die FirmaLLC Epicenter-K, die er bis 2012 leitete und die er sogar zu einem der Hauptsponsoren des VfL Wolfsburg machte. Die Firma ist eine Kette von Einkaufzentren für Bau und Haushal, und einer der größten Steuerzahler der Ukraine im Bereich des Einzelhandels. Im Jahr 2013 wurde Gerega zum Präsidenten der Gewichtheber-Föderation der Ukraine gewählt. 2012 wurde er außerdem Abgeordneter im ukrainischen Parlament Werchowna Rada.


"WM-Renommee Russlands komplett getilgt"
Die Fußball-WM in Russland wurde gerade in der Ukraine mit einer ganzen Palette von politischen Themen in Verbindung gesetzt. Und weil im Fall der Vergiftung des Ex-Agenten Sergei Skripal nun einige Beweise auf den Tisch kamen plus die Haupttatverdächtigen gezeigt wurden, hat sich ein Militär-Experte auf der ukrainischen Plattform replyua.net zu den Auswirkungen dieser Affäre auf das öffentliche Bild Russlands geäußert. So sagte Alexej Aristovitsch: „Russland hat durch die Bilder von den Skripal-Vergiftern nun auf einen Schlag alles verloren, was es mit der Fußball-WM gewonnen hatte.“ Syrien und der Ukraine-Konflikt seien den meisten Europäern als Themen viel zu abstrakt. Aber dass durch russisches Gift vor allem auch Unbeteiligte (durch den Kontakt mit der für Skripal vorgesehenen Dosis Nowitschok kam ein Engländer ums Leben und eine Frau wurde zur Invalidin) geschädigt werden könnten, dass habe, so Aristovitschs Meinung, bei den Europäern einen starken Eindruck hinterlassen: „Bei der WM waren es vielleicht 25 Millionen Westler, die den Eindruck bekamen Russland sei prima, aber von den Vergiftungen in England erfuhr die ganze Welt. Damit ist das WM-Renommee komplett vernichtet.“


Ukrainische Cyper-Polizei verhaftet Fälscher von WM-Tickets
Ein großes Thema waren gefälschte Tickets bei der WM in Russland nicht. Doch die ukrainische Cyber-Polizei hat wohl trotzdem ein paar Ermittlungen investiert. Und so konnten sie, das berichtet die ukrainische Online-Seite gordonua.com, ein paar heimische WM-Ticket-Fälscher hochnehmen. Auf die Spur sind die Ermittler den Kriminellen gekommen, weil sie in der Ukraine angefangen hatten, im großen Stil Konzert-Tickets zu fälschen.


Interview mit Michael Gabriel von der KOS
Aufmerksame Verfolger unserer Aktivitäten haben sicherlich festgestellt, dass wir vor etwa zehn Tagen in Kiew einen außergewöhnlich gelungenen Workshop durchgezogen haben, wie bereits oben berichtet. Einer der Gäste aus Deutschland war Michael Gabriel, Leiter der Koordinationsstelle Fanprojekte (KOS) aus Frankfurt. Der ukrainische Fußball-Blog FootballHub nutzte die Gelegenheit zu einem persönlichen Gespräch und veröffentlichte lange Passagen des Vortrages von Michael. Darin ist zu lesen, dass der gebürtige Klagenfurter Gabriel einstmals mit Tony Polster für die Jugendnationalmannschaft Österreichs aufgelaufen war und nun eine Art Verbindungsmann zwischen der Fanszene und dem Deutschen Fußball-Bund ist. In der Ukraine sei er nicht das erste Mal und seine Aufgabe sei es eigentlich, Fan-Botschaften bei internationalen Turnieren zu organisieren. Seit der EM 2012 habe er für die Ukraine eine besondere Schwäche, weil die Erfahrungen der deutschen Fans damals so überwältigend gewesen seien. Das wäre sogar soweit gegangen, so Eintracht Frankfurt Fan Gabriel, das sich alle seine Freunde damals gewünscht haben, ein ukrainisches Team in die Europa League-Gruppe gelost zu bekommen.

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BELARUS

 

Maradona zum Letzten?
Es ist nicht so, dass wir nur über Maradona berichten wollen. Allerdings bestimmt die Posse um seine Funktion als Präsident von Dinamo Brest auch die belarussischen Medien, während der belarussische Fußball relativ ereignisarm ist und seinen gewohnten Gang geht. BATE steht nach 20 Spieltagen standesgemäß an der Tabellenspitze der obersten Spitzenklasse.
Und es hatte sich angekündigt: Seit Wochen war nichts von Diego Maradona als Präsident des belarussischen Vereins Dinamo Brest zu hören gewesen. Wann würde der Argentinier endlich seinen Job in der Stadt am Bug antreten? Schließlich hatte er im Mai einen Dreijahresvertrag unterschrieben. Selbst der Verein wusste darauf keine Antwort. Dabei hatte Maradona im Mai noch großspurig erzählt, er wolle nach Brest ziehen und dort seine Karriere beenden. Das Schweigen und die Abwesenheit des 58-Jährigen nährten Gerüchte, die besagten, die ganze Nummer mit dem Weltmeister 1986 sei nichts als eine teure PR-AKtion gewesen. Am 7. September kam dann die Gewissheit, man kann auch sagen: die Überraschung. Maradona wurde in Mexiko als neuer Trainer des Zweitligavereins Dorados de Sinaloa vorgestellt. Gleichzeitig aber ließ sein eigentlicher Arbeitgeber, Dinamo Brest, wissen, dass er auch Präsident der Belarussen bleiben würde. Die belarussische Seite Tribuna ließ Maradonas Anwalt, Matias Morla, zu Wort kommen, der erklärte, warum der Ex-Fußballer für sich diese seltsame Doppellastung entschieden hat. "Diego will in der Nähe von Argentinien sein. In Belarus ist das Klima sehr rau. Aber aus Mexiko kann er häufiger nach Hause fliegen." Der Anwalt ließ ebenfalls verlautbaren, dass die Führung von Dinamo Brest bald nach Mexiko reisen werde, um die Möglichkeiten einer Zusammenarbeit aus der Distanz zu besprechen.
Ebenfalls auf Tribuna hat sich ein Journalist einen Spaß mit der Verwirrung um Maradonas Jobs bei dem westbelarussischen Verein gemacht, indem er alle Funktionen und Positionen aufgelistet hat, die dem Argentinier seit Mai in Brest zugesprochen wurden bzw. die er sich selbst zugesprochen hat. Im Mai wurde er auf der Seite von Dinamo Brest als "Vorsitzender des Aufsichtsrates" vorgestellt. Sein Anwalt und Agent Morla bezeichnete ihn dann als "Präsidenten des Klubs". Der argentinische TV-Sender C5N ernannte ihn mit 20 Prozent Aktienanteilen zum Mitbesitzer des Vereins. Maradona selbst sagte, er sei Präsident und Trainer. Dann betraute Brests Sportdirektor Sergej Kovalchuk ihn als Vorsitzender des Aufsichtsrates mit "besonderen Aufgaben". 


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AUS DEUTSCHSPRACHIGEN MEDIEN

Eine Antwort auf einen Beitrag in der taz
Über den Artikel "Neues Hemd, gestrige Rolle" von Bernhard Clasen in der taz haben wir uns als Ukraine-Kenner etwas geärgert. Wir haben  Dr. Martin Dietze, Vorsitzender des Deutsch-Ukrainischen Kulturvereins e.V., gebeten, den Artikel zu kommentieren. Sein Beitrag ging ebenfalls als Leserbrief an die Redaktion der taz. Dietze schreibt:

"Die Überschrift finde ich unnötig reißerisch und nicht passend. Die Formel ,Slawa Ukrajini´ (Ruhm der Ukraine) hat ihren Ursprung in der (sozialrevolutionären) Ukrainischen Volksrepublik, die von 1917 bis 1920 existierte. Und ähnliche Formeln gibt es auch in den Nachbarstaaten (etwa ,Slawa Rossii´). Es gab über die Zeit verschiedene Antworten auf diese Begrüßung, eine davon war ,Herojam Slawa´ (Ruhm den Helden), tauchte etwa Mitte der 1920er Jahre erstmals bei radikalen Nationalisten auf und wurde später von der OUN (Organisation Ukrainischer Nationalisten) übernommen. Heute ist diese Begrüßung in der ganzen Ukraine populär, sowohl durch den Maidan als auch als Trotzreaktion auf die Besetzung der Krim und des Ostens durch RUssland - einen direkten Bezug zwischen Verwendung und integralem Nationalismus gibt es in der Verwendung heute allerdings nicht mehr. 
Man kann über diese Wahl glücklich sein oder nicht, dabei aber den Fehler vermeiden, von ihrer Benutzung direkte Rückschlüsse auf die zu ziehen, die diesen Gruß verwenden, weil diese Verwendung nun einmal im heutigen Kontext und nicht dem der 1930er Jahre stattfindet. Russland versucht nun, Menschen, die diesen Kontext nicht näher kennen, vom Gegenteil zu überzeugen: ein faschistischer Gruß qualifiziert Faschisten. Dass man in Russland auch häufiger mal ein herzhaftes ,Slawa Rossii´ hören kann, stört dabei weiter keinen, ebenso dürfte bei allen Unterschieden in Sachen Geschmack kaum einer auf die Idee kommen, Grußformeln wie ,Vive la France´ oder ,God bless America´ als untrügliche Indizien für dumpfen Ultranationalismus zu betrachten. Dass viele nun gerade bei der Ukraine offenbar andere Maßstäbe ansetzen als bei Russland, Frankreich oder den USA, ist ebenso schade wie aus den harten Fakten schwer ableitbar."
 

 

Die klebrige Allianz
Wem für die politischen Nebenthemen der Weltmeisterschaft in Russland bisher die Bilder fehlten, dem sei ein Video-Beitrag des Westdeutschen Rundfunks empfohlen. Unter dem Titel „WM in Russland - Bruch der rosaroten Brille“ zeigt Journalistin Olga Sviridenko Gastgeberland Russland exakt zwei Monate nach der WM. Im Intro wird noch FIFA-Präsident Gianni Infantinos „klebrige Nähe“ zu Wladimir Putin dokumentiert. Dann kommen aktuelle Mitglieder des Künstlerkollektivs Pussy Riot zu Wort. Der Sommer in Moskau habe ihnen ausgezeichnet gefallen, auch die Polizei. Doch nun, ein paar Wochen später würdr eben noch klarer, wie groß der Unterschied Russlands während der WM und in seinem eigentlichen Zustand sei. Im weiteren Verlauf werden die sozialen Einschnitte (die härtesten seit den 1990er Jahren) und die Verfolgungen der Opposition erwähnt. Zu Wort kommen Oppositionelle wie Ilja Jaschin oder Alexander Tscherkassow von Russlands bekanntester Menschenrechtsorganisation „Memorial“. Zu sehen sind seltene Filmaufnahmen der Inhaftierten Oleh Senzow und Oyub Titiev. Und am Ende steht ein Aufruf von Olga Kuratschewa. Die FIFA, so die Pussy Riots-Aktivistin würde sich immer wohler dabei fühlen Großevents in autoritären Staaten abzuhalten. Genau deshalb müsse man diesen unheiligen Kooperationen noch genauer auf die Finger gucken.


Wie Facebook während der WM Putin-Kritiker kaltstellte
Dieser Artikel auf der Online-Seite für Wirtschaft businessinsider.de greift ein Thema auf, über das bisher bisher überhaupt nicht berichtet wurde in Bezug auf die Fußball-WM. Demnach soll Facebook, diesen Vorwurf erheben jedenfalls Kritiker, in den Wochen vor und während des größten Sport-Events der Welt in großem Stil Accounts von Nutzern gesperrt haben, von denen Putin- und regierungskritische Beiträge ausgingen. Die Leipziger Kanzlei Spirit Legal hat hunderte solcher Fälle gesammelt, verstärkt von englisch-, ukrainisch- und deutschsprachigen Urhebern. Es ist das erste Mal, dass ein Vorwurf von diesem Ausmaß in Deutschland aufkommt. Er könnte der Debatte um Facebooks Rolle in der Gesellschaft und um das Demokratie-Verständnis des US-Konzerns eine neue Stoßrichtung geben.


Hajo Seppelt in Russland weiterhin unerwünschte Person
Es war eines der großen Aufregerthemen im Vorfeld der WM: die zunächst verweigerte Einreise für ARD-Investigativ-Journalist und Doping-Enthüller Hajo Seppelt. Laut Handelsblatt geht die Visa-Affäre nun in die nächste Runde. Seppelt sagte: „Mir wurde von einer Visa-Agentur mitgeteilt, dass kein Visum für eine Einreise ausgestellt worden ist. Eine Angabe von Gründen für die Ablehnung des Antrags erfolgte nicht. Daher muss ich davon ausgehen, weiter auf einer Liste 'unerwünschter Personen' geführt zu werden." Den Antrag hatte der Journalist Anfang September gestellt. Seppelt war im Mai das Visum für die Fußball-WM zunächst für ungültig erklärt worden. Diese Entscheidung wurde - auch aufgrund des internationalen Drucks - von Russland wieder zurückgenommen. Dennoch sagte Seppelt nach massiven Warnungen deutscher Sicherheitsbehörden seine für Mitte Juni geplante Reise nach Russland ab.


Der Ex-Oligarch hinter Streamingdienst DAZN
Einen Blick hinter die Kulissen der Neuerungen hinsichtlich der Übertragung der Champions League in dieser Saison bietet ein Artikel des Stern. Ab dieser Saison überträgt der junge Streamingdienst DAZN die meisten Champions-League-Spiele. Den neuen Anbieter haben die Fußball-Fans einem US-Milliardär zu verdanken, der einst aus der Sowjetunion in die USA auswanderte und früher mal als Oligarch galt. Leonard Blavatnik macht dabei nicht den Eindruck, schon am Ende der Expansion zu stehen. Den 61-Jährigen kann man durchaus als schillernde Figur bezeichnen. Der Mann, der einen US-amerikanischen und einen britischen Pass besitzt, soll 18 Milliarden Euro schwer sein. Er kam im ukrainischen Odessa zur Welt, wuchs in Moskau auf und wanderte mit der Familie in die USA aus, nachdem die Sowjetunion Menschen jüdischen Glaubens die Ausreise gestattet hatte. Den Grundstein seines Erfolges soll Blavatnik in den ersten Jahren nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion mit „Oligarchen-Methoden“ gelegt haben. Unter anderem erwarb er zusammen mit den Partnern Viktor Wekselberg und Michail Friedman einen der staatseigenen Ölkonzerne Russlands (TNK-BP) für einen sehr günstigen Preis, wie es heißt. Darin liegt auch die Skepsis gegenüber Blavatnik begründet, denn sowohl Wekselberg als auch Friedman unterhalten laut US-Regierung enge Beziehungen zu Putin.

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CHRISTIAN SAGT TSCHÜSS, PAKUL und POKA!

Das war´s … der letzte Newsletter ist im Verteiler und damit endet auch für mich die wilde Reise durch die russischsprachige Medienlandschaft. Der Sommer zwischen Minsk und Samara war voll, die fast tägliche Lektüre von Zeitungen, Online-Seiten und Blogs deutlich vielfältiger und spannender als gedacht. Nun verschwindet das russische Sommermärchen langsam im Nebel und andere Aufgaben warten. Als Letztes bleibt mir meinem Partner Ingo Petz zu danken. Ohne ihn wären all diese Newsletter gar nicht entstanden.

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Wie heißt es doch so schön? Niemals geht man so ganz. Wir freuen uns auf ein Wiedersehen.
Bis zum nächsten Mal. Da pabačennia! Do svidaniya! Do pobachennya!

 

EURE FANKURVE OST