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Newsletter Nr. 21 vom 5. Juli 2018

 

Das Bein Gottes 

Dobryj den'! Vitajemo vas! Vitajem vas! 
Liebe Leserin, lieber Leser!
 
Do svidanija, Rossija - hieß es leider für die deutsche Fanbotschaft nach dem Ausscheiden der Nationalmannschaft in der Vorrunde der WM. Seit Samstag sind wir wieder zurück in Berlin, gerne hätten wir Russland noch länger bereist. Immerhin wird dies unser Mitarbeiter Christian auch weiterhin tun. Er war abseits der WM in der Hauptstadt der Schachspieler, in Elista, unterwegs, wo er das sensationelle Weiterkommen der russischen Sbornaja verfolgte: "Russland gewinnt das Achtelfinale gegen Spanien und der Autokorso in der Schach- und Steppenstadt (immerhin auch 100.000 Einwohner) besteht aus drei Ladas. Mit buddhistischen Gleichmut nehmen die Kalmücken die Sensation im fernen Moskau hin. Hier gibt es kein Public Viewing und auch sonst nichts, was an die Weltmeisterschaft erinnert."
In diesem Newsletter lesen Sie von der Euphorie in Russland nach dem unerwarteten Sieg der Sbornaja gegen Spanien, von einem bizarren Selbstgespräch im Zeichen der WM oder von einem neuen Sport, den der russische Kultautor Artemiy Troitsky entdeckt haben will. In der Ukraine hat das Spiel Russland gegen Spanien trotz des Krieges im Land für unerwartete Einschaltquoten gesorgt. In Belarus wundert man sich, warum so viele die russische Nationalmannschaft unterstützen, und endlich verkündet Fußballgott Maradona, wann er belarussischen Boden betreten wird.


Viel Vergnügen bei der Lektüre!

 

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RUSSLAND UND DIE WM
 

Das Bein Gottes
Taumel, Euphorie und Ansätze von "Feier-Ausschreitungen" - natürlich standen in den vergangenen Tagen auch die Artikel und Beiträge in der russischen Presse und bei anderen Fußballdenkern unter dem Diktat des sensationellen Achtelfinal-Sieges der Sbornaja gegen Spanien. So schrieb Sergej Schnurow, Sänger der legendären Punk-Band Leningrad in Anspielung auf Maradonas Handtor auf Twitter: „Akinfejew hat den Ball mit dem Bein Gottes abgewehrt“. Dazu postete er ein Bild, welches den russischen Torhüter als Heiligen auf einem der typischen russisch-orthodoxen Ikonenbildchen zeigt.
Mit ein bisschen Schadenfreude zitierte die Webseite Utro.ru die Reaktionen der Spanier auf die überraschende Niederlage. Unter der Überschrift: „Die rote Furie ist gekränkt, wegen eines niederträchtigen Plans“ kommt zum Beispiel Sergio Ramos zu Wort, der sich wie folgt beklagte: „Sie hatten von Anfang an nur die eine Idee, sich mit aller Gewalt ins Elfmeterschießen zu retten und zu beten.“


„Keine Scherze im russischen Bunker“
Gazeta.ru hatte vor dem Achtelfinal-Spiel ein paar Stimmen der spanischen und internationalen Presse eingefangen. Da war zu lesen, dass die Sbornaja durchaus realistische Chancen auf das Weiterkommen hätte, weil die spanische Elf nicht mehr die von vor ein paar Jahren wäre. Gelobt wurde zudem die Atmosphäre im Luschniki-Stadion und die wirklich gute Vorrunde der russischen Mannschaft. Die spanische El Mundo beschrieb die Abschottung um die Elf von Stanislaw Tschertschessow allerdings mit der Überschrift: „Keine Scherze im russischen Bunker“. Grimmige Wächter hätten jegliches Durchkommen zur russischen Elf unmöglich gemacht. Auch eine italienische Journalistin fand vor dem Spiel gegen Spanien ein Haar in der Suppe und widmet laut Gazeta.ru einen ganzen Artikel dem Thema „Belästigung“. Darin hieß es: „Überall befinden sich ungezogene und nicht besonders mit Hirn gesegnete Fans, die sich versuchen, auf uns zu werfen und zu küssen, während wir arbeiten.“


Russland und die WM – ein Selbstgespräch
Eine Art Selbstgespräch über das Für und Wider der Veränderung Russlands durch die WM war auf der Webseite des Moskowskii Komsomolez zu lesen. Hier ein kurzer Auszug aus der fiktiven Für- und Gegenrede:

"Worüber soll man sich denn nun freuen?
Über das schöne Spiel unseres Teams? Damit werden sie sowieso kein Weltmeister. Und wenn doch? Auch egal. Das viele Geld, was das alles gekostet hat, hätten sie auch in etwas Nützlicheres investieren können...

Aber die Gäste freuen sich. Worüber denn? Über irgendeinen Quatsch. Fotografieren sich mit irgendeiner gut aussehenden Russin in der Fan-Zone und freuen sich. Sie schenkt ihnen ein billiges, selbstgemachtes kleines Souvenir und das lässt sie dann strahlen...

Die WM ist für uns wie ein Spiegel. Wir sind von uns selbst hin und weg. Da sind wir – und dort die Gäste aus dem Ausland. Und überall dieses Lob. Wir seien so zuverlässig, gastfreundlich, großzügig… nur irgendwie freuen wir uns selbst nicht so richtig...

Andererseits, worüber auch? Die Kerle haben keinen Grund dazu, denn die Damen werfen ihre Blicke auf diverse Don Pedros. Und die Frauen sollen sich worüber freuen? Don Pedro mag vielleicht ein Auge auf sie werfen, aber dann fährt er wieder weg und nimmt sie nicht mit. Dann ist es wieder still und fad in Russland, wie es sich gehört...

Überhaupt klingt die Wendung ,sich über etwas freuen´ in unserem Land immer ein bisschen bedrohlich. So nach dem Motto: gleich wirst du weinen! Es ist in Russland nicht üblich, sich einfach so zu freuen. Vielleicht mal bei den Kindern oder wenn das Gehalt erhöht wurde oder die Nationalelf doch noch gewonnen hat. Aber dann auch nur ein klein bisschen. Um niemanden zu sehr zu reizen. Die Ausländer dagegen freuen sich über jeden Scheiß. Dafür sind sie ja die Ausländer. Es ist ja auch zum Freuen, wenn man das Geld hat, um nach Russland zu fahren und hier richtig volle Kanne ausgelassen zu sein. Während bei uns die Nebenkosten hochgehen, das Rentenalter angehoben wird und dazu auch noch das Wetter schlechter geworden ist...

Auf der anderen Seite gibt doch einiges! Der Sommer! Die WM! Das Fußballspiel! Selbst über die Tatsache, dass es am Sonntag in keinem einzigen Wirtshaus mehr freie Plätze gegeben hat, kann man sich doch freuen!“


Ein russischer Fan, ein Gesicht, 90 Minuten gegen Spanien
Ein ganzes Spiel lang hielt die Fotokamera von Wladislaw Burnaschew auf das Gesicht von Vladimir Worobijew in der Fanzone von Jekaterinburg. Die Fotos, die so während der Partie Russland gegen Spanien entstanden und die das ganze Drama des Spiels zeigen, veröffentlichte der Fotoblog 66.RU.
Auch die Novaja Gaseta zeigt in einer langen Fotostrecke, dass in ganz Moskau nach dem Sensationssieg der Teufel los war.


Karneval an der Moskwa
Inwieweit sich nach dem Schlusspfiff im Luschniki-Stadion das gesamte Zentrum von Moskau in einen großen Karneval verwandelte, zeichnete der Korrespondent des Nachrichtenportals Medusa, Ilya Zhegulev, nach. Zhegulev besuchte die Fanzone auf den Sparrow Hills (Spatzenbergen) und verbrachte dann ein paar Stunden auf der Ulitza Nikolskaya, die sich zum eigentlichen Partyzentrum während der WM entwickelt hat. Im Text wird beschrieben, wie sich der Korrespondent an die spontanen Demonstrationen gegen die Verurteilung Alexeij Nawalnys (fünf Jahre Gefängnis – wurde später aufgehoben) 2013 erinnert fühlte, er den Song „Change“ der Rocklegende Viktor Zoi in den Straßen hörte und das lauteste „Ros-si-ja! Ros-si-ja!“ aus den Kehlen betrunkener Argentinier hörte.


Sexbol, Sexbol – geht es in Russland gerade gar nicht um Fußball?
Von einem Spaß der ganz anderen Sorte berichten seit Tagen verschiedene russische Medien. Thema ist das Aufeinandertreffen von jungen männlichen ausländischen Fußballfans und ebenso jungen russischen Frauen. So schreibt der bekannte Kultur-Journalist Artemiy Troitsky in seinem populären Blog, dass es noch nie in der jahrhundertelangen Geschichte der russischen Hauptstadt so lustig gewesen sei. Außer den üblichen Parties, Ausgehereien und mit der WM zusammenhängenden „Volksbelustigungen“ fände, so Troitsky, noch eine ganz neue Sorte von Spaß statt: Sexbol. „Das ist nicht ganz ein Spiel und nicht ganz ein Sport, sondern: SEX mit einem BOLelschiki (die russische Bezeichnung für einen normalen Fußballfan)“. Laut Troitsky würde sich kein Land besser für „Sexbol“ eignen als Russland. Denn nur hier kämen so günstige objektive und subjektive Faktoren zusammen: Erstens wären die ausländischen Fans vornehmlich männlich, in der Blüte ihrer Kraft und überaus libidinös. Zweitens sind die russischen Frauen wirklich sehr attraktiv und dabei wenig „gebraucht“. Im Gegensatz zu den russischen Männern, die, wenn nicht gerade als Programmierer oder Söldner, kaum ins Ausland konvertierbar sind, erfreuten sich die russischen Frauen einer soliden ausländischen Nachfrage. Drittens seien die Werber aus dem Ausland bei den normalen russischen Frauen sehr willkommen: „Im Durchschnitt sind sie unvergleichlich galanter, einfacher im Umgang und ungezwungener als die russischen Kerle („Muschiks“). Sie lächeln häufiger und riechen besser.“ Viertens kämen sie aus einem „Feindesland“. Das mache sie abstoßend und anziehend zugleich. Und Fünftens „sind unsere Bullen mal ausnahmsweise nicht dafür da, um zu klauen und uns Angst einzujagen, sondern um zu schützen und zu helfen. Zeig deine Fan-ID und schände, wen du magst!“. Laut Troitsky würde damit das richtige Russlandbild entworfen. „Unser Land ist weiblich, unser Land ist gütig, unser Land ist ausschweifend! Im Sexbol besiegt es alle-alle-alle und es gibt dabei noch nicht mal Verlierer.“
 

Lost in Translation?
Schon im letzten Newsletter begrüßten wir die legendäre russische Mediengestalt, den Publizisten, Journalisten und Filmemacher Alexander Newsorow. Die ukrainische Webseite Dialog.ua zitierte Newsorow nun mit einem frischen Interview, das der Echo Moskwy gegeben hatte. Darin bezeichnete er die WM auch als eine „Weltmeisterschaft im Schlüpfer-Schnellausziehen“. Bei aller Tollerei um das Turnier würde Russland gerade ein sehr menschliches Gesicht bekommen. Das Bild von Donbass-Gangstern und Menschenfressern in Syrien hätte ausgedient. Vielmehr sei Moskau nun auf dem besten Wege Welthauptstadt des Sextourismus zu werden. Newsorow weiter: „Der ausländische Gast ist ein wachsamer Hund. Er bemerkt natürlich, dass neben dem Fußball noch ein anderer Wettbewerb, nämlich der Schlüpfer-Schnellausziehen stattfindet. Nachher verbreitet er den Ruf von der phänomenalen Zugänglichkeit der attraktiven russischen Mädchen in der ganzen Welt und versteht dabei gar nicht den heiratlichen Subtext. Das sind keine Schlampen, das sind normale, unglückliche Dummchen, die den Gast verliebt machen wollen, um ihn zu heiraten und dann ein für alle Mal die leid gewordene Heimat verlassen zu können.“


Der Tod des englischen Hooliganismus?
Auf Russlands populärster Sport-Webseite www.championat.com war mit satirischem Zungenschlag vom Tod des englischen Hooliganismus zu lesen. Für die englischen Fans sei alles getan worden. Man habe sie mit Bier und Wodka abgefüllt, es gab keine Polizei, im Stadion wurden die typischen englischen Fangesänge als Karaoke angezeigt. Und dann habe man die wohl fadeste Version von „God Save The Queen“ aller Zeiten gehört. Als sänge hier das Land, welches die Fußballkultur erfand, derselben den Grabgesang. Die böseste Darbietung der englischen Fans sei es gewesen, als sie „Good Bye Deutschland“ sangen und danach auf den Tribünen herumgegangen sind, um ihre Tüten und leeren Dosen einzusammeln. Abschließend fragt der Autor auf championat.com: „Und die Fans, die zuerst Marseille umkrempelten, bis sie von den russischen Fans umgekrempelt worden sind, wo sind sie? Es sind nur drei Stunden Flug, das Flugticket kostet nur 200 Pfund. Hat sie die Presse erschreckt? Seid ihr Hooligans oder Feiglinge?"


Die Meldung vom Selbstmordversuch eine Ente?
Die Meldung vom Selbstmordversuchs des ehemaligen Direktors des Moskauer Antidoping-Labors Grigori Rodschenko, die in der Presse für Wirbel sorgte, erweist sich, wie es mk.ru ausdrückt: als Scherz. Rodschenko lebt in den USA, seine Aussagen zum systematischen Doping im russischen Sport vor der WADA waren der Grund dafür, dass Russlands Athleten bei den Olympischen Spielen in Pjöngjang nur unter neutraler Flagge antreten durften. Gegen Rodschenko wird in Russland ermittelt. Sein Anwalt hätte die Meldung vom angeblichen Selbstmordversuch dementiert, so der Bericht.
Auch championat.com beschäftigt sich mit dem Fall: „Die neueste Meldung zu Rodschenko kam diesmal wie aus heiterem Himmel: er hätte sich umgebracht.“ Die These vom Selbstmordversuch auf Grund des Druckes, unter dem er in Amerika stünde, wo man wolle, dass er viele Aussagen gegen Russland mache, bekräftige der Umstand, dass er schon einmal einen solchen Versuch unternommen hätte. Und zwar im Jahr 2011, als ihm ein Prozess wegen der Anwendung starker und giftiger Substanzen drohte. Mit unverhohlenem Sarkasmus fragt championat.com schließlich: „Hat er diesmal überlebt?“ Oder aber „ist er überhaupt je in Lebensgefahr gewesen, oder war das doch wieder nur ein Versuch, die Welt wegen irgendeiner russischen Gefahr aufzuregen, während und weil in Russland die WM im Gange ist?“ Der Artikel endet mit einem Postskriptum: „Wie Viele bereits annahmen, die Meldung vom
Selbstmordversuch erwies sich schließlich als Ente.“
 

Migranten-Sbornaja
Die Webseite des unabhängigen Radiosenders Echo Moskwa beschäftigte sich in der vergangenen Woche mit einem für Russland ungewöhnlichem Thema: „Flüchtlinge und Fußball“. Darin wird die Wichtigkeit einer wirklichen Integration von Migranten, auch in Russland betont. Als Illustration der Problematik dienen hier Beispiele aus dem europäischen Fußball. Echo Moskwa zeichnet die Historie europäischer Spitzenklubs, die von Migranten gegründet wurden, nach und stellt am Ende eine Mannschaft aus Spielern zusammen, die einmal Migranten waren und jetzt in divsersen Nationalmannschaften bei der WM dabei sind. Zusätzlicher Info-Fakt: in Moskau und St. Petersburg hat die Organisation Fare während der WM ein sogenanntes „Haus der Vielfalt“ eingerichtet. Dort finden regelmäßig Veranstaltungen zu dieser Thematik statt.


WM – Steilvorlage für russische Chauvinisten
Einen bizarren Tweet von Oleg Korolew, dem Gouverneur des Lipezker Gebietes, konterte die respektierte Publizistin Julia Latynina so: „Die ganze Welt denkt, das sei Fußball. Diese Argentinier, die auf der Nikolskaya spazieren und Bier trinken, denken, sie sind hier beim Fußball. Aber für uns ist das der Dritte Weltkrieg und zum Sieg verhelfen uns die Geister der Ahnen ...“ Und weiter: „... das ist gut so, denn solange der Kreml siegreich seine kleinen Schlachten führt, ohne dass er mit dem Bier in der Hand von seiner Couch aufstehen muss, kommt er ohne weitere Donbasse aus.“ Der Tweet Oleg Korolews lautete wie folgt: „Die Niederlage des Titelverteidigers (Deutschland) war kein Zufall. Auf diesem (unseren) Boden haben die Deutschen zwei Weltkriege entfesselt, und die Seelen der Verstorbenen und Millionen von Opfern rächen sich nun und werden sich weiter rächen.“

 

Maschina Kaput – russische Medien zum Aus Deutschlands
Die deutsche Nationalmannschaft ist als gut geölte „Maschin“ (Maschine) in Russland überaus respektiert. Deren Ausscheiden wurde entsprechend ausladend kommentiert. So zum Beispiel von Meduza. Hier wurde wirklich alles nochmal zusammengefasst, was man vor dem Turnier vom deutschen Team erwarten konnte und warum am Ende so eine erbärmliche Leistung heraussprang. Die Analyse beginnt mit der Aussage Jogi Löws zum Confed-Cup, dass die Nationalelf ungefähr 50 fast gleichwertige Spieler rekrutieren könne. Es werden die Themen der Ausbootung Leroy Sanes und Sandro Wagners vor der WM, die unglückliche Wahl des Quartiers in Watuniki, die überraschende Rückkehr von Manuel Neuer und diverse andere Faktoren besprochen. Am Ende stellt sich der Autor die Frage: Warum mögen wir die deutsche Nationalmannschaft trotzdem? Die Antwort: Weil Deutschland eines der besten Teams der Welt hat. Und weil das vor allem der hervorragenden und perfekt organisierten Nachwuchsarbeit zu verdanken sei. „Die Fähigkeit der Deutschen, ihre Talente zu fördern, ist einer der wichtigsten Gründe, dieses Team zu lieben.“ Ein anderer: Marco Reus. Dieser Mann sei, so steht es im Artikel, der eigentliche Hoffnungsschimmer am Zukunftshimmel des deutschen Teams.

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UKRAINE
 

"Mit Gottes Hilfe ins Elfmeterschießen"
Die WM wird in Russland und in ausländischen Medien jetzt schon als Erfolg gewertet. In der Ukraine dagegen herrscht Krieg. Natürlicherweise wird das Sportereignis dort mit anderen Augen betrachtet. Da bleibt es nicht aus, dass auch die Taktik des russischen Trainers, Tschertschessow, unter eine etwas stärkere Lupe genommen wird. So sammelte Dni.ru Reaktionen aus der Ukraine über die fußballerischen Qualitäten der russischen Nationalmannschaft ein.
Im ukrainischen Portal Obosrewatel war darüber zu lesen: „Die Taktik mit DREI schwachen Innenverteidigern trug mehr Früchte ein als die mit ZWEI schwachen Innenverteidigern. Ein zum eigenen Tor zurückschwankender Bus samt des schnurrbärtigen Fahrkartenkontrolleurs haben es tatsächlich doch noch geschafft. Mit Gottes Hilfe rettete man sich ins Elfmeterschießen, bei dem sich voller Gnade der heilige Igor Wladimirowitsch (Akinfejew) hernieder ließ.“ Eine andere Stimme meldete sich aus dem Universum der sozialen Medien und ließ verlauten: „Der Sieg Russlands ist kein Grund zur Freude, sondern Anlass für kriminalistische Ermittlungen“. Der bekannte ukrainische Journalist und Begründer der Internet-Plattform GORDON, Dimitri Gordon, berichtete nach dem Sieg gegen Spanien, wie Russland, nachdem es von dem geplanten Boykott der WM erfahren hätte, weder Mühe noch Geld gescheut hätte, um genau diesen zu verhindern: „Die Dollars, die Putin mit dem Erdöl verdient, lösen viele seiner persönlichen und staatlichen Fragen.“ Nicht bestätigten Quellen zufolge, so der Autor, hätte Großbritannien schon bereit gestanden, die WM zu übernehmen. „Einfach, weil die dafür notwendige Infrastruktur schon existiert.“ Der Hauptgrund für den geplanten Boykott seien die Ereignisse in der Ukraine gewesen. Auch das Doping-Programm, oder der Abschuss der Boeing MH17 hätten dazu beigetragen. „Putin ist als Präsident wiedergewählt worden. Im Gegensatz zu vielen westlichen Politikern denkt er global und hat einen Plan. Zu dessen Durchsetzung gehört auch die Bestechung anderer Politiker. Putin will seine Vision Wirklichkeit werden lassen. Was das kostet, ist ihm egal“.


Russland als Zuschauerhit 
Trotz des nachhaltig gestörten Verhältnisses zwischen der Ukraine und Russland scheint der Fußball doch auch die Kriegsgrenzen zu überwinden. So war der sensationelle Erfolg der Sbornaja auch in der Ukraine ein Zuschauer-Hit. 4,4 Millionen Ukrainer sahen dieses Match im ukrainischen Staatsfernsehen. Damit erzielte dieses WM-Achtelfinales eine der größten Einschaltquoten des ukrainische Fernsehens aller Zeiten. Der bekannte ukrainische Journalist Denis Trubetskoy kommentierte auf seiner Facebookseite: "Das Spiel Spanien gegen Russland ist die erfolgreichste WM-Partie im ukrainischen Fernsehen, mit 23,1 Prozent Marktanteil beim Gesamtpublikum 18+ auch klarer Tagessieger am Sonntag. Der erfolgreichte Verfolger zur Sendezeit lag bei 14,1 Prozent. Aber auch das Spiel Kroatien gegen Dänemark war zu ihrer Sendezeit knapp vorne, mit 0,3 Prozent Vorsprung vor dem dritten Rang. Der umstrittene Sender Inter konnte damit am Sonntag hervorragend abschneiden und wurde Tagessieger in der Zielgruppe 18-54 in den Städten mit 50000+ Einwohnern."


Fans mit Bengaloaktion für Sentsov
Am vergangenen Montag fand im Kiever Olympiastadion eine Solidaritätsaktion für den in Russland inhaftierten Regisseur Oleg Sentsov statt, der aus Protest gegenüber seiner Verurteilung seit mittlerweile 50 Tagen in seinem Gefängnis hungert. Ukrainische Fußballfans entrollten auf den Rängen des Stadions riesige Banner, wie Radio Svaboda berichtet, auf denen in Ukrainisch zu lesen war: "Oleg Sentsov. Die Ukraine ist mit dir." Hinter den Bannern entzündeten die Fans ein Meer an roten Bengalofackeln. 



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BELARUS

Wer ist schon Aleksandr Gleb?
In einem wütenden und launigen Blogbeitrag macht sich der Autor "Makblog goda" auf dem Sportportal Tribuna seinem Ärger darüber Luft, dass viele Belarussen seiner Einschätzung nach, unbedarft die russische Nationalmannschaft bei der WM unterstützen würden. "Ich habe wirklich keinerlei Überzeugungen. Ich bemitleide nur all diese Leute. Weil sie alle Opfer dieser rücksichtslosen Fernsehpropaganda sind. Die Sendung ,Vremja´, Malachov, Solovjov, Kiseljov - all dieser Mist ist noch in jedem Haushalt verfügbar. Sie kennen keinen Volski (Anm. d. Redaktion: ein belarussischer Rockstar), aber sie verfolgen die Karrieren von Baskov oder Leps (Anm. d. Redaktion: ein russischer Popstar bzw. ein georgisch-russischer Barde). Sie kennen Dzjuba, aber sie wissen nicht, wer Aleksandr Gleb ist... mir wird wirklich ängstlich zumute, dass diese ganze höllische TV-Maschinerie immer noch funktioniert. Wir sind alle unter dieser Haube, wenn man sich nur eine Minute der Entspannung hingibt. Ich gebe mich dem nicht hin. Aber wenn diese grünen Männchen (Anm. d. Redaktion: So wurden die russischen Soldaten ohne Hoheitsabzeichen genannt, als sie 2014 die Krim besetzten) zu uns kommen, habe ich überhaupt keinerlei Garantien."


Den Fußball von unten fördern
Vergangene Woche verkündeten die UEFA und der belarussische Fußballverband (ABFF) ein Kooperationsprojekt, das auf ein Jahr angelegt ist und das darauf ausgerichtet ist, den Grassroots-Fußball im Land zu fördern. Neun Amateur-Vereine aus vier Regionen in Belarus sind in dieses Projekt involviert, das nach Willen der Kooperationspartnern helfen soll, mehr Kinder für den Fußball zu begeistern. Das Programm beinhaltet spezielle Schulungen für Trainer oder spezielle Einheiten für den Fußballunterricht an Schulen. Beteiligt sind u.a. die Vereine FK Junor aus Minsk, FK Fair Play (Oschmjany), Djussch-4 (Molodetschno) oder FSK Senno. 


Maradona will nach oben
Und noch eine kurze Meldung aus dem belarussischen Maradona-Land: Der als Fußball-Gott gefeierte Argentinier, der ab September als Vorsitzender des belarussischen Vereins FK Dynamo Brest arbeiten wird, will seinen neuen Klub mit hochkarätigen Spielern auf die Sprünge helfen. 40 Millionen Euro will der Verein nach Medienberichten zufolge für einen Spieler investieren. Ganz oben auf der Wunschliste Maradonas steht der Mexikanische Mittelfeldspieler Hirving Lozano, der aktuell bei PSV Eindhoven unter Vertrag ist. Mal sehen, ob die Scheichs aus Abu Dhabi dem Fußballgott den Wunsch erfüllen werden. Nach dem Ausscheiden der argentinischen Elf bei der WM hat Maradona nun auch Zeit, sich Gedanken über seinen neuen Job zu machen. In einer Videobotschaft gab er nun bekannt, dass er am 16. Juli nach Belarus kommen werde. "Ich will mich auch den Präsidenten kennen lernen und anfangen in Belarus zu arbeiten", ließ der Weltmeister von 1986 wissen.  

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AUS DEUTSCHSPRACHIGEN MEDIEN

 

Endemann on fire
Einen ganz ausgezeichneten Bericht von der WM lieferte in der vergangenen Woche der Blogger der Jungle World, „Endi“ Endemann, in der Fortsetzung seines Berichts über das Turnier in Russland. Darin zu lesen: Spielberichte über die Partien Saudi-Arabien vs Uruguay, Serbien vs Schweiz und Belgien vs Tunesien, „Old School“-Reisen mit dem Zug in der Holzklasse. Vorgestellt werden auch die WM-Stadt Rostow samt ihres staatskriminellen Kontextes, südrussische Cuisine und die auffällig zahlreichen WM-Touristen aus China.
Endemann ist als Mitarbeiter von Football Supporters Europe auch beim Kicker ein gefragter WM-Experte. So gab er ein Interview, in dem er auch das etwas schief geratene Russlandbild in den deutschen Sport-Medien gerade rückte: "Die Kehrseite der Medaille ist natürlich: Russland bleibt weiterhin ein autoritärer Staat. Es wird sich wahrscheinlich nichts an der politischen Situation, an der Situation für die Opposition, der Lage für die Schwulen und Lesben in Russland ändern. Aber vielleicht ändert sich ja etwas an der gesamtgesellschaftlichen Einstellung, dass viele Russen nach der Weltmeisterschaft anfangen werden, Fragen zu stellen. Warum dürfen die denn eigentlich die ganze Nacht Party machen? Warum dürfen die mit ihren Fahnen auf dem Roten Platz stehen? Wir werden verhaftet, wenn wir in einer Menschenansammlung mit einem Plakat auf den Roten Platz gehen. Ich glaube, dass bei vielen eine Art Depression einsetzt, wenn die Party in zwei Wochen wieder vorbei ist."
 

Deutsche Behörden geben Daten weiter
Einen Skandal um die Weitergabe von persönlichen Daten von deutschen Hooligans an russische Behörden hat offenbar die Partei Die Grüne publik gemacht. Die deutschen Behörden hätten, so die Abgeordnete Monika Lazar, im Vorfeld der Fußball-WM personenbezogene Daten von dreißig tatsächlichen und angeblichen Hooligans aus Deutschland an russische Behörden weitergegeben. Die Betroffenen waren in der ohnehin umstrittenen polizeilichen Datenbank „Gewalttäter Sport“ erfasst, die das Bundesinnenministerium nun nach Moskau geschickt hat. Lazar spricht in dem Fall von einer rechtswidrigen Datenweitergabe an ein autoritäres Regime und nennt sie einen „Skandal“. Die Abgeordnete, die zu dem Thema immer wieder Anfragen an die Bundesregierung stellt und auch diesmal Antwort (pdf) erhielt, fordert die Bundesbeauftragte für den Datenschutz auf, zu dem Fall Stellung zu nehmen.


Jogi Löw als Retter der westlichen Welt?
Als letzten Kämpfer gegen die „Autokratisierung“ der Welt feiert hingegen der Blog Salonkolumnisten Bundestrainer Jogi Löw in einem ironischen Beitrag. Zum unerwarteten Ausscheiden der deutschen Nationalmannschaft in der Gruppenphase heißt es dort: „... doch irgendwann, beim morgendlichen Espresso oder auf einer der langen Hochgeschwindigkeitsfahrten auf süddeutschen Autobahnen, dämmerte dem Bundestrainer, dass er eine andere historische Rolle spielen wollte. Jogi Löw hat die Zeichen der Zeit erkannt: während Medien und Politik in der Show des Autokraten unisono mitspielten, verweigerte er sich. In aller Stille entschloss er sich, keinen Pokal aus Putins Händen zu wollen. Deshalb ließ er Oliver Bierhoff das Komsomolzenquartier in Watutinki buchen, agierte er nach der Qualifikation nur noch halbherzig, ließ Özil und Gündoğan ihren Flirt mit einem anderen Autokraten durchgehen und hebelte das Leistungsprinzip weitgehend aus. Weltmeister Khedira und Newcomer Kimmich wurden für ihr Zeitlupentempo nicht belangt. Mit ruhiger Hand steuerte er Deutschland in den sportlichen Abgrund. Gruppenletzter. Für einen guten Zweck ...“
 

Russische Regierung drückt unpopuläre Maßnahmen durch
Inwieweit sich die russische Regierung um Wladimir Putin die WM-Euphorie zu Nutze macht, um unliebsame Gesetze und Regelungen durchzudrücken, davon berichtete in der vergangenen Woche in differenzierter Art und Weise Die Welt. Moskau nutze die gute Stimmung des Fußball-Events, um eine unangenehme Wahrheit nach der anderen zu verkünden. Nun gäbe sie sogar zu, dass die wirtschaftliche Lage in Russland deutlich schlechter sei als bisher gedacht.


"Man erlebt hier Fußball tatsächlich anders"
Derweil traf die Russland-Korrespondentin der Zeit, Alice Bota, in den vergangenen Tagen Erik Stoffelshaus zum Interview. Darin spricht der deutsche Sportdirektor von Lokomotive Moskau über die WM-Euphorie der Russen und wie das mit dem eigentlichen Desinteresse derselben hinsichtlich des Fußballs zusammenpasst. Darin sagt Stoffelshaus: "Man erlebt hier Fußball tatsächlich anders. In Deutschland ist es so: Wenn man einen Fußballverein unterstützt, dann mit Leib und Seele. Wenn der absteigt, dann steigt man mit ab. Wenn der die Meisterschaft gewinnt, dann feiert man mit. Hier kommt mir alles ein wenig distanzierter vor. Man wartet lieber ab, wie das Spiel ausgeht, was es zu sehen gibt, bevor man sich entscheidet, einen Club zu unterstützen."


Der Gefangenentransporter neben der Party
Als echte Kennerin der politischen Szenerie in Russland erweist sich um ein weiteres Mal die in Wien lebende Journalistin Simone Brunner. In der Wiener Zeitung zeichnet sie das Portrait eines Landes, welches sich gerade nach außen als unglaublich weltoffen zeigt, nach innen aber unverändert repressiv ist. In dem kenntnisreichen Text heißt es: „Während der WM-Tross in Moskau für Ausnahmezustand sorgt, werden wenige Meter weiter Aktivisten, die Flugblätter für den ukrainischen Regisseur Oleg Senzow, der seit mehr als 40 Tagen im Hungerstreik ist, festgenommen. Ebenso wie der britische LGBT-Aktivist Peter Tatchell, der am Eröffnungstag vor dem Kreml mit einem Schild auf die brutale Verfolgung von Homosexuellen in Tschetschenien aufmerksam machen wollte. Kremlkritische Veranstaltungen, wie ein Theaterstück über die Verhaftung des tschetschenischen Menschenrechtlers Ojub Titijew, werden von der Polizei geräumt. An der Fanzone warten nicht nur die Shuttles auf die Fans, sondern auch die vergitterten Gefangenentransporter, sollte sich irgendwo doch Protest regen." Und weiter: „Es ist das Russland dieser Tage - weltoffen nach außen, repressiv nach innen … Wenn alle wieder weg sind, werden genau die Polizisten, die heute den verrückten Argentiniern und Mexikanern zulächeln, diejenigen sein, die auf der Twerskaja-Straße die Kinder ihres Landes wieder zusammenschlagen werden."

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IN EIGENER SACHE

 

"I love you, I hate you, Eat the Soup!"
So heißt eine eine dokumentarische Spurensuche entlang der Austragungsorte der WM 2018 in Kasan, Wolgograd, Rostow am Don, die am kommenden Samstag, 6. Juli (18 Uhr), im Rahmen der Reihe FUSSBALLABALLA in Berlin präsentiert wird. Aus der Ankündigung:  "Temperaturunterschiede von 26 Grad, ein Tag und eine Nacht im Schlafwagen, hippe Cafés und Schaschlikbuden: Zwischendurch unzählige Gespräche über Stadtentwicklung, das Erbe der Sowjetunion und Visionen für die Zukunft. Ein deutsch-russisches Filmteam aus dem ZK/U begab sich knapp zwei Monate vor Beginn der Fußball WM 2018 auf die Spurensuche zu den Austragungsorten Kasan, Wolgograd und Rostow. Dass Russland über die medienwirksamen Themen und über den Tellerrand Moskaus hinaus ein facettenreiches Land mit Widersprüchen, Überraschungen und einer vielfältigen Zivilgesellschaft ist, wird in den dokumentarischen Kurzfilmen deutlich. Im Anschluss an die Premiere des Films: Q & A mit dem deutsch-russischen Filmteam und den Protagonisten aus den drei Städten."


Unser Besuch beim FC St. Pauli
Am 12. Juni waren wir auf Einladung der Heinrich Böll Stiftung in Hamburg im Museum des FC St. Pauli zu Gast, wo es bei einer Veranstaltung um Menschenrechte und Zivilgesellschaft im Rahmen sportlicher Großveranstaltungen ging. Nach einem eingehenden Vortrag zum Thema, den der Journalist Ronny Blaschke hielt, ging es in einer von Nicole Selmer (Ballesterer) moderierten Diskussion auch um die WM in Russland. Dazu aus dem Bericht der Veranstalter: "Statt großer idealistischer Ambitionen sei es vielleicht sinnvoll, sich auf kleinere, dafür aber auch kurzfristig umsetzbare Schritte zu fokussieren: etwa die Möglichkeit, zivilgesellschaftliche Brücken zu bauen (z.B. über das Goethe-Institut in Russland) und die vielen guten Initiativen zu unterstützen, die im Umkreis des Fußballs immer wieder entstehen. Auch der Abend im FC St. Pauli-Museum gehöre dazu: ,Diese Diskussion wäre so in Russland nicht möglich gewesen´, hielten die Teilnehmer der anschließenden Podiumsdiskussion fest – und betonten, dass Veranstaltungen wie Foulspiel WM auch in Deutschland ohne das konsequente und langjährige Engagement vieler Menschen nicht zustande kommen würden."

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Es geht nun in die letzte Woche der WM. Wir freuen uns auf spannende Spiele und spannende Geschichten. Bis nächste Woche!

 

EURE FANKURVE OST