"Fanprojekte in Osteuropa - Chancen und Herausforderungen"

Die Teilnehmer und Teilnehmerinnen unseres Workshops.
Die Teilnehmer und Teilnehmerinnen unseres Workshops.

Vom 23.-26. November 2017 fand im Fanprojekt der Sportjugend Berlin unser Workshop "Fanprojekte in Osteuropa – Chancen und Herausforderungen“ statt, an dem  18 Teilnehmer aus Belarus, Russland und der Ukraine sowie neun sozialpädagogische Mitarbeiter deutscher Fanprojekte teilnahmen. Organisiert wurde der Workshop in Kooperation mit der Koordinationsstelle Fanprojekte (KOS) und mit dem Fanprojekt Berlin. Ziel des Workshops, dessen osteuropäische Teilnehmer zum Großteil schon unsere einwöchigen Seminare  "Fußball-Fankultur in der Offenen Gesellschaft“ besucht haben und dadurch bereits einen kleinen Einblick in die hiesige sozialpädagogische Fanarbeit  hatten, war der Frage nachzugehen, ob und wie sozialpädagogische Fanprojekte in Osteuropa etabliert werden können.

 

Nach einer kurzen Begrüßung durch Ingo Petz im Namen von Fankurve Ost, Michael Gabriel von der KOS sowie Ralf Busch vom Fanprojekt Berlin, begann der Workshop mit einem Vortrag von Michael Gabriel über die Geschichte der sozialpädagogischen Fanprojekte in Deutschland und die Arbeit der KOS.  Im Anschluss berichteten Ralf Busch vom Fanprojekt Berlin sowie Anett Krause vom Gangway Fanprojekt Alte Försterei über die Geschichte ihrer jeweiligen Fanprojekte sowie ihre tägliche Arbeit. Die Gespräche, die im Anschluss an die Vorträge folgten, wurden auch beim Abendessen fortgesetzt.

 

Der zweite Workshop-Tag (24.11.) begann mit einem Vortrag von Hans-Jochen Lesching, Mitglied des Aufsichtsrates beim 1. FC Union Berlin und Vorsitzender der Union-Stiftung „Schulter an Schulter“, über die gesellschaftlichen Herausforderungen für den Fußball in der Zeit der Hyper-Kommerzialisierung. Ein philosophisch angehauchter Vortrag, der ein hervorragender Impuls für den restlichen Tag war, wie die darauffolgende Diskussion zeigte. Im Anschluss an den Vortrag stellten die osteuropäischen Teilnehmer die Situation in ihren jeweiligen Heimatländern vor. Dadurch bekamen die deutschen Teilnehmer einen Einblick in die Probleme, mit denen Fußballfans in Belarus, Russland und der Ukraine zu kämpfen haben und die in jedem Land unterschiedlicher Natur sind. Alle Länder eint, dass sie mit autoritären staatlichen Strukturen zu kämpfen haben, die eine Selbstinitiative und Selbstorganisation seitens von Fans hemmen. Ausnahme ist die Ukraine, sie seit dem Euromaidan Ende November 2013 mehr Raum für zivilgesellschaftliche Initiativen bietet. Wie unbekannt aber die Probleme der osteuropäischen Faninitiativen in ihren Ländern sind, bewiesen die darauffolgende Diskussion und die neugierigen Fragen der deutschen Teilnehmer.

 

Nach der Mittagspause präsentierten dann ukrainische Teilnehmer ihre drei jeweiligen Projekte und Ideen. Andrij Kryhan stellte seine Idee eines Fanprojekts in Synelnykove vor. Synelnykove ist eine Kleinstadt in der Nähe von Dnipro, in der mit dem FK Dniproagro ein Amateurklub beheimatet ist. In den Mittelpunkt seines Fanprojekts stellte Kryhan, der eigentlich ein gelernter Bauingenieur ist,  die sozialpädagogische Arbeit mit Jugendlichen und Gefängnisinsassen. Igor Gonomai, Oleksandr Ostapa und Jurij Konkevych wiederum machten die Workshop-Teilnehmer mit ihrem Projekt "Football Democracy“ bekannt. Mit einer Internetplattform, die Artikel und Analysen zur partizipativen Fankultur bietet, wollen die drei Teilnehmer die demokratische und gesellschaftliche Partizipation der ukrainischen Fans fördern. Zum Schluss sprach Oleh Soldatenko über den Fanclub der ukrainischen Nationalmannschaft "Virni Zbirnij“, dem er selbst als Organisator angehört. Nach intensiven Gesprächen und Diskussionen über die drei vorgestellten Projekte endete der Tag mit dem Besuch der Zweitligapartie 1. FC Union Berlin gegen SV Darmstadt 98.

 

Der Samstag (25.11.) begann mit einer Diskussionsrunde, in der es noch einmal um die am Vortag vorgestellten Projekte der ukrainischen Teilnehmer ging.  Im Mittelpunkt des Tages standen jedoch zwei Arbeitsgruppen, in denen die Workshop-Teilnehmer über bestimmte Themen diskutierten und nach möglichen Lösungen suchten. In der ersten Gruppe debattierten die osteuropäischen Gäste mit Martin Brochier (Fanprojekt Rostock), Ralf Busch (Fanprojekt Berlin) und Matthias Stein (Fanprojekt Jena) über Radikalisierung und Extremismus bei Fans. In der zweiten Arbeitsgruppe sprachen Dirk Bierholz (Fanprojekt Nürnberg) und Katja Erlspeck-Tröger (Fanprojekt Nürnberg)  mit den Teilnehmern aus Belarus, Russland und der Ukraine über Fanarbeit als Teil der Jugend- und Sozialarbeit. Nach der Mittagspause fassten die zwei Gruppen die Ergebnisse ihrer Arbeitsgruppen zusammen.

 

Bevor der Workshop mit einem Grillabend endete, fand noch die Abschlussdiskussion statt. Diese zeigte, wie wichtig und vor allem nachhaltig so ein Workshop sein kann, auch wenn die gesellschaftspolitische Situation sowohl in Deutschland als auch in den drei osteuropäischen Staaten nicht miteinander vergleichbar ist. „Man kann und muss voneinander lernen“, war immer wieder zu hören. Sowohl die osteuropäischen als auch die deutschen Teilnehmer betonten eindrücklich, wie spannend und inspirierend dieser Workshop für sie war, allein schon wegen der ungewohnten Einblicke und Zugänge, die sie dadurch gewannen. Sehr erfreulich waren auch die vielen Stimmen aus Russland, Belarus und der Ukraine, die unterstrichen, durch den Workshop in ihrer Motivation noch mehr gestärkt worden zu sein, ähnliche Projekte in ihren Heimatländern aufbauen zu wollen.

 

Bei dieser Gelegenheit möchten wir von Fankurve Ost uns bei allen bedanken, die zum Erfolg des Workshops beigetragen haben: den Teilnehmern, die durch ihre Neugier und ihre intensiven Diskussionen den Workshop lebendig gemacht haben;  Michael Gabriel und Julia Zeyn von der KOS für ihren fachlichen Rat und die Kooperation sowie Irina Serdyuk für ihre wunderbaren Übersetzungskünste.  Und natürlich bei dem Fanprojekt Berlin und seinem gesamten Team für die mittlerweile schon jahrelange Gastfreundschaft, Unterstützung und Partnerschaft.

 

PS: Unser Teilnehmer Oleksandr Ostapa hat aus zahlreichen Fotos und Videoschnippseln ein kleines Video über den Workshop zusammengestellt, das man HIER sehen kann.