Mit 50 Ukrainern in Hoffenheim


Dank unseres Netzwerks ist es möglich, Treffen und Begegnungen zu organisieren, auch über die Grenzen von Staaten (die sich zurzeit leider im Krieg befinden) und Vereinen hinweg. Für das Champions League-Spiel TSG 1899 Hoffenheim gegen Shakhtar Donetsk, das am 27. November in Sinsheim stattfand, haben wie eine Fahrt für 50 Shakhtar-Fans aus der Ukraine nach Hoffenheim organisiert. Auf dem Programm standen: zwei Nächte Übernachtung in Zuzenhausen, Besuch des Spiels und Treffen im Umfeld des Spiels mit Fans von Hoffenheim; viel Raum für Begegnung und Gespräche – auch über die Situation in der Ostukraine am Beispiel des Fußballclubs Shakhtar Donetsk. Die besondere Situation des Vereins ermöglicht tiefe Einblicke in die aktuelle Situation in der Ukraine. Der einstige Bergarbeiterklub ist auf der einen Seite ein klassischer „Oligarchen-Verein“. Auf der anderen Seite befindet sich der Klub – sowie viele der Fans – seit 2014 im Exil. Seit dem Beginn des Krieges in der Ostukraine mussten der Verein wie auch viele seiner Fans in die nicht-besetzten Gebiete der Ukraine fliehen. Auch viele der Fans, die nach Hoffenheim reisten, stammten ursprünglich aus dem Donbass.

 

Am Montag, 26. November, nach grob 40 Stunden Fahrt (inklusive einem längeren Aufenthalt in Prag), erreichte der Bus mit 48 Shakhtar-Fans (plus zwei Fahrern) sein Ziel in Sinsheim: das Fanprojekt Hoffenheim. Die Müdigkeit war den Reisenden deutlich anzusehen. Im Fanprojekt warteten Kaffee und Gebäck auf die Reisenden, sowie zwei Mitarbeiter des Fanprojekts Hoffenheim, welche die „gegnerischen“ Fans begrüßten und eine kurze Einführung zu Fanprojekten in Deutschland sowie dem örtlichen Fanprojekt gaben. Leicht gestärkt ging es dann weiter durch Hoffenheim nach Zuzenhausen. Der größere Teil der Gruppe war im Erlebniszentrum Mühle Kolb untergebracht. Dort konnte die gesamte Gruppe auch zu Mittag essen und gemeinsame Abende verbringen. Ein kleinerer Teil der Gruppe übernachtete im nahe gelegenen Hotel Dachsenfranz.

 

Nach einer kurzen Erholung und einem deftigen Mittagessen ging es mit dem Bus weiter nach nach Neckargemünd – zuerst auf den Dilsberg, wo die dortige Burganlage besichtigt und wo von den Türmen aus der Ausblick über das Neckartal genossen wurde. Danach stand ein Treffen mit Vertretern des Hoffenheim Fanclubs „Neckartaler“ im Kulturzentrum „Altes E-Werk“ auf dem Programm. Die Shakhtar-Fans erhielten Schals und andere Fan-Artikel von den Hoffenheimern als Gastgeschenke. Dann folgte ein Rundgang durch die kompakte Altstadt von Neckargemünd. Auf dem Rückweg zur Mühle Kolb wurde in einem Supermarkt eingekauft. Der erste Höhepunkt des Aufenthalts war am Montag schließlich ein Grillabend an der Mühle Kolb – zusammen mit Vertretern verschiedener Hoffenheim-Fanclubs. 50 Shakhtar-Fans und 25 Hoffenheim-Fans verbrachten mehrere Stunden und tauschten sich am Lagerfeuer intensiv aus. Die „Verbrüderungen“ an diesem Abend sollten die Aufeinandertreffen rund um das Champions League-Spiels wesentlich erleichtern. 

 

Nach dem Frühstück begann der Dienstag dann mit einer dreistündigen Führung durch die Altstadt des nahe gelegenen Heidelberg. Die Deutsch-Ukrainische Gesellschaft Rhein-Neckar e.V. hatte diesen Programmpunkt ermöglicht. Die Besucher zeigten sich begeistert von der kompakten und intakten Altstadt. Danach fand schließlich das erste von zwei Fußballspielen an diesem Tag statt: die U19 der TSG 1899 Hoffenheim traf im Dietmar-Hopp-Stadion in Hoffenheim auf die U19 von Shakhtar Donetsk Das Ergebnis: 1:1. Die heimischen Fans waren sichtlich erstaunt, als eine beachtliche Gruppe von Shakhtar-Fans im Gästeblock Platz nahm. In der Pause zwischen diesem und dem Champions League-Spiel wurden die Interessierten in der Gruppe über die Nachwuchsarbeit des Vereins Hoffenheim aufgeklärt. Gegen 18 Uhr ging es mit der Elsenz-Tal-S-Bahn von Zuzenhausen bis Sinsheim Hauptbahnhof, wo die ukrainischen Fans an der Fankneipe „Zur Linde“ von den Hoffenheim-Anhängern bereits erwartet wurden. Der Vorrat an Grillwürstchen war schnell dezimiert. Die anwesende Polizei verfolgte die ungewöhnlich unmittelbare Fanbegegnung etwas besorgt, jedoch blieb die Situation - wie erwartet - herzlich und friedlich. Mit einem von der Polizei speziell für die Gruppe organisiertem Shuttle-Bus ging es dann vom Hauptbahnhof weiter zur Rhein-Neckar Arena. Im Gästeblock machten die rund 250 – 300 anwesenden ukrainischen Fans ordentlich Stimmung. Bei dem äußerst spannenden Spiel fiel in der 92. Minute das dritte Tor für Shakhtar, zum Endstand von 2:3. Die Freude im Gästeblock war erschlagend. Auch die Rückfahrt nach Zuzenhausen in einem völlig überfüllten Regionalzug, eingequetscht zwischen hunderten Hoffenheim-Fans, blieb ausnahmslos friedlich und herzlich. Bis vier Uhr morgens wurde bei Lagerfeuer und Bier an der Mühle Kolb gefeiert und diskutiert.

 

Nach dem Frühstück war eine Stunde Zeit für ein eingehendes Feedback, wobei die meisten betonten, dass sie ein paar Tage brauchen würden, um ihre Eindrücke zu verarbeiten. Viele der Fans waren bei dieser Reise das erste Mal in ihrem Leben im Ausland gewesen. Vor der Rückreise in die Ukraine (die wieder rund 40 Stunden dauern sollte und die diesmal einen Aufenthalt in Krakau bot) wurde nochmals ein Supermarkt „gestürmt“. 50 einkaufende Ukrainer ließen die Schlangen an den Kassen spürbar anschwellen. Auch in dieser Situation reagierten die Einheimischen ausnahmslos positiv - vor allem, als sie erfuhren, dass es sich bei der Gruppe um Fans der gegnerischen Mannschaft vom Spiel am Vorabend handelte. Beim Einstieg traten spontan zwei ältere Herren spontan an den Bus und baten darum, ihre Worte an die Gruppe zu übersetzen: „Tolles Spiel gestern. Ihr habt super gespielt. Für Euer nächstes Spiel wünschen wir viel Glück. Und jetzt wünschen wir Euch eine gute Heimfahrt.“ Zum Abschied ließen wir noch die Sektkorken knallen. Dann war der Besuch der Shakhtar-Fans in der Region um Hoffenheim beendet.