Workshop in Kyiw: Ein Treffen unter Gleichgesinnten

„Mechanisms and Contradictions within engaged Football Fanculture“ - darum ging es bei unserem Workshop, der vom 6. bis 9. September 2018 in der ukrainischen Hauptstadt Kyiw stattfand. 34 aktive Fans, Journalisten, Fanprojekt-Mitarbeiter und Vereinsmitarbeiter aus Russland, Belarus, aus der Ukraine und aus Deutschland erörterten und diskutierten, inwieweit sich das in Deutschland seit Mitte der 1980er Jahre erfolgreiche Konzept der sozialpädagogischen Fanprojekte auf die Länder Osteuropas übertragen ließe. Dabei wurden die Teilnehmerinnen und Teilnehmer von Thomas Jelinski und Arthur Starker, zwei Mitarbeiter des Fanprojekts Berlin, unterstützt. Zudem war Michael Gabriel, Leiter der Koordinationsstelle Fanprojekte in Deutschland (KOS), zugegen. In einem Vortrag zeichnete er am zweiten Tag des Workshops den langen Weg der Fan-Selbstorganisation in Deutschland nach – von den ersten vereinsübergreifenden Demonstrationen Anfang der 1990er über die Geschichte der Fankongresse bis hin zum aktuellen Abbruch des Dialogs mit den Fußball-Verbänden, den die Organisation „Fanszenen Deutschlands“ vor ein paar Wochen verkündet hat. Nach unserem ersten Workshop, der Ende November des vergangenen Jahres zum selben Thema stattfand, war dies die Folgeveranstaltung, bei der es um eine Weiterentwicklung der bereits in Berlin vorgestellten Initiativen und Projekte ging.

 

Zur Eröffnung des Workshops gab der renommierte Sportjournalist Kostyantyn Andriyuk eine pointierte Einführung in die Probleme und Herausforderungen des ukrainischen Fußballs. Er beschrieb die Rolle der Ultras beim Euromaidan und im Krieg in der Ostukraine. So sehr er die Bedeutung der Ultras für das Gelingen der „Revolution der Würde“ betonte, so sehr kritisierte er die rassistischen und rechtsradikale Ausfälle von Ultra-Gruppen wie bei Dynamo Kyiw. „Leider gibt es bei uns kaum Journalisten, die sich konsequent mit den Ultras beschäftigen und deren rassistische Aktionen öffentlich thematisieren.“ Andriyuk glaubt zudem, dass die Oligarchen-Struktur, die den Fußball in der Ukraine bestimmt, nicht zur Förderung von Mitbestimmungswünschen und der Selbstorganisation von Seiten der Fans beiträgt. „Solange es hier keine Mitgliedervereine gibt, wird es schwierig sein, den Fußball zu unseren Gunsten zu verändern und zu einem besseren Ort zu machen.“

 

Am zweiten Tag, der ebenfalls in Räumlichkeiten des am Maidan gelegenen Hotel Kozatskiy stattfand, präsentierten Teilnehmerinnen und Teilnehmer Fanprojekte, die bereits realisiert wurden bzw. noch in der Planung sind. Igor Gomonai, der mit ehemaligen Teilnehmern unserer Seminare „Fußball-Fannkultur in der Offenen Gesellschaft“ die NGO Football Democracy gegründet hat, berichtet von der Weiterentwicklung ihres Vereins. Dieser will auf einer entsprechenden Webseite umfassende Informationen rund um die Fan-Selbstorganisation aus aller Welt liefern. Weiterhin organisiert die NGO in Kooperation mit dem Berliner Verein Gesellschaftsspiele aktuell ein Austauschprojekt für deutsche und ukrainische Fans zum Thema Erinnerungskultur. Da einige der Mitglieder von Football Democracy Fans des Vereins des Fußballklubs FC Obolon Brovar sind, hat sich die Idee entwickelt, ein Fanprojekt im Umfeld des ukrainischen Zweitligisten zu etablieren, das sich für einen besseren Dialog zwischen Fans und Vereinsführung bemühen will. Als zweiter war der Ukrainer Andrii Kryhan an der Reihe, der in seiner Heimatstadt Sinelnikove ein Jugend- und Sozialarbeit-Projekt im Umfeld des dortigen Amateurvereins Dniproagro etablieren will. Dieses soll auch mit dem lokalen Gefängnis in der Kleinstadt kooperieren. Nach anfänglichem Enthusiasmus sei das Projekt, berichtete Kryhan (der beruflich als Ingenieur bei der Eisenbahn arbeitet), ins Stocken geraten. „Eigentlich will ich mich voll und ganz auf dieses Projekt konzentrieren. Aber dazu fehlt mir die Zeit. Ich muss ja auch irgendwie Geld verdienen. Und eine Finanzierung meiner Idee ist schwierig umzusetzen.“ Als dritter stellte Mykola Ozyuk ein erfolgreiches Straßenfußballprojekt aus der Region Volyn vor, das seit ein paar Jahren außerhalb der Verbandsstrukturen arbeitet. „Wir haben mittlerweile über 70 Teams in unserem Projekt“, erzählte Ozyuk. „Allerdings ist es uns bis heute nicht gelungen, das Projekt auf die ganze Ukraine auszuweiten.“ Von den schwierigen Bedingungen für Fans berichtete der Belarusse Pavel Malashka, der Fan des regionalen Vereins FK Molodechno ist, wo sich vor ein paar Jahren eine aktive Ultraszene entwickelt hat. „Zu den Spielen unserer Mannschaft kommen kaum normale Leute ins Stadion. Die Ultraszene ist sehr aktiv, allerdings steht sie im Fokus der staatlichen Sicherheitsbehörden und kann sich kaum weiterentwickeln.“ Viele, die von Miliz und Geheimdienst unter Druck gesetzt wurden, hätten sich vom Fußball abgewendet. In Belarus geht der Staat seit 2014, als die Ultras in der Ukraine eine bedeutende politische und gesellschaftliche Rolle spielten, gezielt gegen die Ultras im eigenen Land vor, um jede Form von Selbstorganisation im Keim zu ersticken.

 

Am dritten Tag des Workshops bezog die Gruppe Quartier in den Räumlichkeiten der „Obolon Arena“, dem Heimatstadion des FC Obolon Brovar. Auf der Tribüne erarbeiteten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer in drei Arbeitsgruppen in teils sehr kontrovers geführten Diskussionen die Weiterentwicklung der vorgestellten Projekte. Unterstützt wurden sie dabei von den deutschen Fanprojekt-Experten. Danach stellte sich der Vizepräsident des Vereins, Sergii Vashchuk, den Fragen der Gruppe. Bevor man gemeinsam zum Abschluss des Tages ein Pflichtspiel des Vereins besuchte, stellte die Gruppe die Ergebnisse ihrer Arbeiten vor. Dabei bot Michael Gabriel, Leiter der KOS, an, insbesondere dem Fanprojekt Obolon bei der Entwicklung der weiteren Arbeit unterstützend helfen zu wollen. Gelobt wurde die intensive Arbeitsatmosphäre und die kreativen Ideen, die sich aufgrund der Zusammenstellung der Gruppen ergeben hätten, in denen Vertreter und Vertreterinnen aus unterschiedlichen Ländern ihr Wissen einbringen konnten. „Die Bedingungen für die Selbstorganisation von Fans und für die Bildungsarbeit mit Fans sind deutlich härter als hierzulande“, resümierte Peter Dittmann, Vorstandsmitglied von Gesellschaftsspiele. „Das betrifft nicht nur Finanzierungsfragen sondern auch die Kommunikation mit Vereinen, Verbänden und der Polizei und reicht bis zu starker politischer Repression – gerade im Fall von Belarus und Russland. Trotz allem lassen sich einige aktive Fans nicht abschrecken und behalten ihren Enthusiasmus. Wir haben großen Respekt vor diesem Engagement.“

 

Nach einem geselligen Abend, zu dem sich auch ehemalige Teilnehmer der Seminare von Fankurve Ost einfanden, endete der Workshop am nächsten Tag mit einer Diskussions- und Feedbackrunde. Dabei betonten die Teilnehmer und Teilnehmerinnen den praktischen Nutzen des Workshops und dessen Wert als Inspirationsquelle, eigene Projekte trotz der schwierigen Rahmenbedingungen vorantreiben zu wollen. Weiterhin wurde die Idee des Projektes gelobt, drei osteuropäische Länder abseits der aktuellen politischen Probleme via des Fußball zusammen zu bringen, um so Verständnis für die Situation des jeweils anderen zu generieren. „Die Organisatoren haben mir das geschenkt, wovon ich all die Jahren geträumt habe“, sagte Igor Gomonai, der den Workshop vor Ort mitorganisiert hatte. „Ich habe nun Gleichgesinnte, mit denen ich mich zu Faninteressen nicht nur in meinem eigenen Land austauschen kann und die mich mit meinem Projekt weiterbringen.“ Als Weiterentwicklung unseres Projektes werden wir ab November 2018 an den Orten, wo sich bereits Fanprojekte entwickeln, Arbeitstreffen organisieren, bei denen unter fachkundiger Hilfe gemeinsam an der Weiterentwicklung der Projekte gearbeitet wird.

 

Wir als Organisatoren des Workshops bedanken uns beim Auswärtigen Amt für die finanzielle Unterstützung unseres beim DRA e.V. angesiedelten Projektes, beim FC Obolon Brovar, für dessen Gastfreundlichkeit, bei unseren lokalen Organisatoren von Football Democracy, bei der KOS und beim Fanprojekt Berlin dafür, dass sie sich immer wieder auf das Abenteuer Osteuropa einlassen.

 

 

Eure Fankurve Ost

Ein Projekt des DRA e.V.

 

Eine PM des FC Obolon Brovar zum Workshop (auf Ukrainisch).

Fotos auf der Facebook-Seite von Football Democracy.